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Warum schreiben einige Autoren ihren Protagonisten zu passiv?

Warum schreiben viele Autoren ihren Protagonisten zu passiv?

Eine erzähltheoretische Analyse – und was Autoren daraus lernen können

Erzähltheorie · Lektorat · Figurenentwicklung

Wer regelmäßig Manuskripte liest – als Lektor, Agent oder in einem Schreibkreis – stößt auf ein Muster, das sich hartnäckig wiederholt: Der Protagonist bleibt passiv. Er wird von Ereignissen angestoßen, reagiert, wartet, beobachtet. Die Geschichte passiert mit ihm, nicht durch ihn. Dieses Problem ist kein Stilfehler – es ist ein Konstruktionsfehler. Und er beginnt tiefer, als die meisten Autoren ahnen.

Passivität ist ein Symptom, keine Ursache

Der entscheidende Irrtum beim Diagnostizieren passiver Protagonisten besteht darin, das Symptom für das Problem zu halten. Wenn eine Figur in Szene nach Szene auf andere reagiert, ohne selbst Initiative zu ergreifen, suchen Autoren oft nach der Lösung auf Szenenebene: mehr Aktion, schärfere Dialoge, höhere Einsätze. Doch das Problem liegt fast immer tiefer – in der Grundanlage der Figur oder sogar der Prämisse.

1. Die Prämisse ist ereigniszentriert, nicht figurenzentriert

Viele Autoren entwickeln zunächst eine Situation: ein spannendes Setting, ein dramatisches Ereignis, eine ungewöhnliche Welt, und platzieren dann einen Protagonisten hinein. Dieser Protagonist ist jedoch funktional ein Beobachter: Die Geschichte würde mit einer anderen Figur genauso funktionieren. Das Erkennungsmerkmal ist einfach: Wenn man den Protagonisten gedanklich austauscht und die Handlung weitgehend gleich bleibt, fehlt es an figurenzentrierter Dramaturgie.

2. Der innere Konflikt ist dekorativ, nicht strukturell

Viele Autoren geben ihrer Figur eine Backstory: Trauma, Verlust, eine schwierige Kindheit, und verwechseln das mit innerem Konflikt. Backstory erklärt eine Figur, aber sie treibt sie nicht an. Ein echter innerer Konflikt entsteht aus zwei konkurrierenden Wünschen oder Werten, die die Figur zu Entscheidungen zwingen. Fehlt diese Spannung, gibt es keinen inneren Motor, der Handlungen erzeugt.

3. Der Autor schützt seine Figur

Das ist wohl der häufigste Grund bei unerfahrenen Autoren: Sie mögen ihren Protagonisten zu sehr, um ihm echte Fehler zuzugestehen: Entscheidungen, für die er Verantwortung tragen muss, die Konsequenzen haben, die ihn in moralisch unbequeme Situationen bringen. Passivität ist hier eine unbewusste Schutzstrategie. Die Figur kann nicht scheitern, wenn sie nie wirklich handelt.

Aktivität bedeutet nicht Impulsivität. Auch ein zögernder, ruhiger Charakter kann aktiv sein – wenn sein Zögern eine bewusste, folgenreiche Entscheidung ist.

Handwerkliche Fallen im Schreibprozess

Neben den strukturellen Ursachen gibt es spezifische handwerkliche Irrtümer, die Passivität begünstigen:

Reaktivität wird mit Tiefe verwechselt. Manche Autoren glauben, eine Figur wirke komplexer, wenn sie von Ereignissen überwältigt wird. Das Gegenteil ist oft wahr: Wer nur reagiert, wirkt beliebig.

Führen ist einfacher als Antreiben. Es ist erzählerisch bequemer, den Protagonisten durch die Handlung zu führen, als ihn die Handlung selbst vorantreiben zu lassen. Letzteres erfordert glaubwürdig begründete, konsistente Motivationen.

Identifikation überträgt sich unbewusst. Autoren projizieren eigene Passivität oder Konfliktvermeidung auf ihre Figuren – besonders wenn der Protagonist stark autobiografisch geprägt ist.

Ein Diagnosewerkzeug für die Lektoratspraxis

Wer regelmäßig Manuskripte beurteilt, braucht ein schnelles Instrument zur Diagnose. Die folgende Frage ist dafür besonders nützlich:

Welche drei Entscheidungen trifft der Protagonist im ersten Drittel – und was steht jeweils auf dem Spiel?

Wenn die Antwort vage bleibt, oder wenn die "Entscheidungen" in Wahrheit Reaktionen auf äußere Ereignisse sind, liegt das Problem nicht im Handwerk einzelner Szenen, sondern in der Grundanlage der Figur.

Fazit: Was Protagonisten aktiv macht

Ein aktiver Protagonist ist nicht notwendigerweise einer, der viel tut. Er ist einer, dessen Handlungen, oder bewusste Unterlassungen, aus einem klaren inneren Kompass stammen: aus einem Wunsch, einer Furcht, einem Wert, den er verteidigt oder verrät. Der Schlüssel ist nicht Aktion, sondern Intention.

Für Autoren bedeutet das: Bevor die erste Szene geschrieben wird, muss klar sein, was die Figur will: konkret, szenenweise verfolgbar – und was sie daran hindert. Für Lektoren bedeutet es: Das Gespräch über passive Protagonisten sollte nie bei einzelnen Szenen beginnen, sondern bei der Figurenkonzeption.

Dieser Text basiert auf einer erzähltheoretischen Analyse häufiger Muster in eingesandten Manuskripten.

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